Der Blauspan-Träuschling
(2004)

Es mag in den frühen Siebzigern des vorigen Jahrtausends gewesen sein, als ich per Zufall in einer Fichten-Dickung zahlreiche Pilze entdeckte, teils auf, teils um verrottendes Holz. Das allein wäre nicht so spektakulär gewesen, aber diese Pilze waren schleimig - und grün. Damals verstand ich von Pilzen sogar noch viel weniger als jetzt, und ich ahnte von solcherart gefärbten Pilzen nicht einmal annähernd etwas. Jedenfalls hat mich das sehr beeindruckt, weil diese Pilze regelrecht mysteriös und bedrohlich aussahen.
Ich meide diesen Wald noch heute.
Schließlich wohne ich jetzt auch woanders.
Erst später wurde mir klar, was ich damals erblickt haben mochte: Stropharia aeruginosa, den Grünspan-Träuschling. Fürderhin war für mich alles, was so oder so ähnlich aussah, ein solcher.
Noch später wurde mir die Existenz eines Blauen (oder vorsichtig: Blaugrünen) Träuschlings offenbart, also Stropharia caerulea. Normalerweise sind beide Arten ganz gut zu trennen, aber die Realität sieht oft anders aus. Pilze können zu jung oder zu alt oder zu trocken oder sonstwie verschieden von den Literaturangaben sein. Auf alle Fälle war mir klar, daß in ruderalem Gelände, ganz besonders aber zwischen Brennnesseln (schreibt man das jetzt so?) immer S. caerulea vorkommt und nicht etwa der grüne Bruder.
Noch sehr viel später erfuhr ich, daß es noch weitere, ähnlich gefärbte Arten gibt. Hier hatte es wohl ein paar Uneinheitlichkeiten gegeben, was zu nomenklatorischen Bandwürmern führt, z.B. Stropharia albocyanea (DESM.) QUÉL. ss. KREISEL non DESM., Stropharia cyanea (BOLT.)TUOM. ss. auct. non ss. BOLT., Stropharia aeruginosa (CURT.: FR.) QUÉL. ss. BRES.!
Es könnte, so meine fixe Idee, lohnend sein, die Grün-Blauen eingehender zu betrachten. Erstes und promptes Ergebnis: An einer nahe befindlichen Lokalität bewunderte ich regelmäßig den Blauen Träuschling zwischen Nesseln auf künstlich aufgeschüttetem Boden. Weit und breit kein Nadelbaum. Falsch bewundert! Dort wächst tatsächlich Stropharia aeruginosa, also der Grünspan-Träuschling, möglicher Weise auf vergrabenem Holz.
Ich habe fünf Jahre gebraucht, um diesen Irrtum zu korrigieren.
Na schön, die Welt dreht sich trotzdem weiter. Hoffe ich zumindest.

Links:
Stropharia aeruginosa
Die grüne Hutfarbe ist nicht oberstes Gebot. Kann auch ein hübsches Blau sein. Oder irgend etwas dazwischen.
Rechts:
Etwas bizarr keulige Cheilozystiden, die allerdings von Chrysozystiden mit Nuggetfüllung überragt werden. Die sollen angeblich keine Cheilozystiden sein. Wieso eigentlich?
Links:
Stropharia caerulea
Die blaue Hutfarbe ist nicht oberstes Gebot. Kann auch ein hübsches Grün sein. Oder irgend etwas dazwischen.
Rechts:
Hier nun keine Keulen in der Schneide, sondern ausschließlich Chrysozystiden. Ich meine, diese sind etwas "besser gefüllt" als jene auf der Fläche.
Links:
Stropharia cf. caerulea
Ursprünglich als S. albocyanea bestimmt. Mit spitzbuckligem Hut und als hell gedeuteter Lamellenschneide. Außerdem paßte der Standort gut, nämlich Trockenrasen auf einem kalkigen Südhang.
Rechts:
Sieht nach S. caerulea aus. Aber auch nicht so recht befriedigend. Neue Art?
Links:
Stropharia spec.
Wenigstens gibt es eine umfassende Gemeinsamkeit. Ob Grün oder Blau, am Ende sehen alle gleich aus, nämlich wie Senf nach dem Verfallsdatum. Vermutlich handelt es sich bei diesem Straßenrandbewohner um S. caerulea, aber sicher bin ich da nicht mehr. Hatte ihn nicht mitgenommen. War auch schon festgefroren (der Pilz).





Lit.:
Eigentlich jedes Pilzbuch jenseits von 100 Seiten.

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